Schulgeschichte

50-jähriges Jubiläum

Im Jahr 1956 wurde an einem städtischen Gymnasium in Baja eine deutschsprachige Klasse eingerichtet. Aus diesem Klassenzug ist in den 90er Jahren das Ungarndeutsche Bildungszentrum als komplexe Bildungseinrichtung entstanden, die jungen Menschen in einem einheitlichen pädagogischen Konzept eine umfassende und anspruchsvolle Erziehung und Bildung - vom zweisprachigen Kindergarten über die 8-jährige Grundschule bis zum Abitur im 4- bzw. 5-jährigen Gymnasium anbietet. Als Einrichtung der deutschen Minderheit in Ungarn fühlt sich das Ungarndeutsche Bildungszentrum in besonderer Weise der deutschen Sprache und Kultur verpflichtet, trägt auf vielfältige Weise zur Identitätsförderung der Ungarndeutschen bei und versteht sich als ein Ort der Begegnung  europäischer Kulturen und der Verbreitung  europäischer Werte.

Gründungsgeschichte

Im Juli 1956 wurde ich vom Kultusministerium beauftragt, in Baja ein deutsches Gymnasium ins Leben zu rufen: "... Dazu brauchen wir Deine Hilfe, Du bist Deutscher und ein guter Organisator".
Am Anfang hatten wir keine Lehrer, keine Schüler, keine Bücher, kein Schulgebäude, kein Schülerheim, nicht einmal ein Klassenzimmer. Die Schule begann als Klassenzug des ungarischen Gymnasiums "III. Béla". Hier bekamen wir den Vorbereitungsraum des Chemiesaals. Die Schüler saßen auf den Schubladen des langen Tisches. Wir hatten eine Tafel und eine Schachtel Kreide. Mit der bescheidenen Zahl von 19 Schülern versuchten wir, die zukünftige Schule zu gründen. Ohne methodische Richtlinien und Grundprinzipien begannen wir den Unterricht. Schülern, die nur ihre verschiedenen Mundarten mit einem geringen Wortschatz beherrschten, wollten wir die hochdeutsche Sprache vermitteln sowie die deutsche Poesie und Literatur nahe bringen. Die fleißigen und in ihrer Arbeit sehr ausdauernden Schüler erzielten mit Hilfe der jungen und engagierten Lehrer bald gute Erfolge.
Im Jahre 1958 konnten wir mit der III. Klasse beinahe nicht beginnen, weil man einfach "vergessen" hatte, uns beim Komitat finanziell einzuplanen. Auf massive Proteste reagierte das Ministerium, so dass wir 1959 schon vier Klassenzimmer ausstatten konnten. Doch unser dringendes Anliegen, ein eigenes Gebäude zu haben, blieb weiterhin und für viele Jahre unerfüllt, obwohl es seit 1957 eine entsprechende ministerielle Verfügung gab, welche den zuständigen Genossen die Weisung erteilt hatte, "... das deutsche Gymnasium von nun an als selbständige Schule zu betrachten und für die Bedingungen der Einschulung (Gebäude, Lehrkräfte, Plätze in den Schülerheimen) und in dem Kulturbudget für die Ansprüche der Entwicklung zu sorgen." 1958 kam schließlich ein Vertreter des Ministeriums persönlich nach Baja und besprach mit allen Zuständigen das Problem. Was dabei herauskam, war ein eigenes Büro für die Schulleitung des deutschen Gymnasiums - errichtet in einem ehemaligen Waschraum der ungarischen Schule ...

Doch unsere Schule konnte sich dank der großen Nachfrage von Seiten der Eltern und Schüler dennoch weiterentwickeln. Vier Sommer lang hatte ich auf eigene Kosten das ganze Land bereist, um Schüler zu werben. Für das Schuljahr 1958/59 hatten sich 70 neue Schüler gemeldet. Dass wir diese Schüler auf Grund mangelnder Kapazitäten nicht aufnehmen konnten, war eine schlechte Werbung für unser Gymnasium. Die Bajaer Stadtherren entschlossen sich in dieser Situation dazu, ihr deutsches Gymnasium wenigstens auf dem Papier zu einer selbständigen Institution zu machen und ihm einen eigenen Namen zu geben. Man entschied sich für den Namen "Leo Frankel". Die Feierlichkeiten zur Selbständigkeit fanden unter äußerst dürftigen Rahmenbedingungen, doch mit großem öffentlichen Interesse statt. Anwesend waren der Botschafter der DDR, Vertreter des Ministeriums, der Deutsche Verband, etwa 500 Eltern, Großeltern und Landsleute und Vertreter aller Bajaer Schulen, die unsere Schulfahne mit Bändern schmückten. Der Höhepunkt der Rede war das feste und feierliche Versprechen des Ministeriums, uns ein eigenes neues Gebäude zur Verfügung zu stellen. Doch verwirklicht wurde das Versprechen leider weder im nächsten Jahr noch in den kommenden Jahren. Zahlreich waren dann meine Memoranden in den kommenden Jahren an Komitat, Kultusminister und Deutschen Verband, etwas zu unternehmen und wenigstens einmal Baupläne zu erstellen. Andere Nationalitäten hatten schon längst ihre Gymnasien in eigenen Gebäuden untergebracht, nur für das erste deutsche Gymnasium hieß es resignierend: "Die Stadt Baja kann das Problem allein nicht lösen, das Komitat will es anscheinend nicht, und das Ministerium hat kein Geld".
Im Mai 1966 kam eine Kommission des Ministeriums und prüfte drei Tage lang die Lehrqualität und das Programm unseres Gymnasiums. Das sechsseitige Protokoll hielt nichts Negatives fest. Die Kernsätze darin lauteten: "Die Quantität der erlernten Wissenschaft ist mit dem Fleiß der Schüler zu erklären, ... das Niveau ist so, wie in den anderen ungarischen Gymnasien, ... vom deutschen Nationalismus ist keine Spur zu finden, ... der Schule fehlt das Fundamentum einer Grundschule, die beiderseitige Belastung der Schüler ist beträchtlich, aber der Fleiß der Schüler bekämpft diese...".



Parallel zu der Arbeit in der Schule organisierten wir für die deutschen Landsleute der Umgebung Schwabenbälle. Der erste fand 1963 statt und wurde von etwa 600 Landsleuten besucht. Aus ihrer Sicht war er ein voller Erfolg, obwohl ihn manche Ungarn als nationalistische Wiederbelebung zuerst ablehnten. Erst nachdem sie eines Besseren belehrt wurden, akzeptierten sie die Schwabenbälle gerne als Elternbälle.
Um unseren Schülern des deutschen Gymnasiums einen Einblick in das Vaterland der deutschen Ahnen zu geben, besuchten wir acht Mal die DDR und organisierten mit dortigen Schulen einen regelmäßigen Schüleraustausch. Solche Besuche mussten gründlich vorbereitet werden und waren volle Erfolge. Im Gegenzug wurden deutsche Schülergruppen in Budapest empfangen und mit den reichen Sehenswürdigkeiten unserer Hauptstadt bekannt gemacht. Eine Woche ging es jeweils an den Plattensee, zwei Tage nach Fünfkirchen. In Baja waren die Gäste bei den Schülereltern untergebracht. Bezeichnend für die Sicht der Offiziellen auf solche deutsch-ungarischen Begegnungen: Nach ihrer Rückkehr aus Ungarn bekamen die Leiter der deutschen Gruppen in der DDR für ihren selbstlosen Einsatz hohe Auszeichnungen. Bei uns in Ungarn war der Austausch allenfalls geduldet.
Eine Bilanz der ersten zehn Jahre unserer Schule wurde von mir 1967 für das Ministerium erstellt: 179 Schüler hatten bisher in unserem Gymnasium maturiert, 122 studierten an Universitäten und Hochschulen, 47 hatten nach der Matura sofort eine Anstellung bekommen, weil sie die deutsche Sprache beherrschten. Lediglich 10 Schüler studierten nicht und hatten auch noch keine Arbeit. Einige Mädchen hatten geheiratet, 23 hatten mit ihrem Diplom schon eine sichere Anstellung. Bis zu diesem Jahr hatten wir aus 87 Siedlungen des Landes 395 Schüler aufgenommen.

Schon ein Blick auf die Karte Ungarns genügte den Genossen, um sich unser Einzugsgebiet vorzustellen. In einem Hilferuf ans Ministerium schrieb ich: "Wir haben schon seit Jahren Schüler für parallele Klassen, ich kann die Schüler nicht aufnehmen, weil wir ein 'Volk ohne Raum' sind." Die Reaktion kam von unserem Komitat mit einer Verordnung, der zufolge wir nur Schüler aus 'deutschen Siedlungen' des Bács-Kiskuner Komitats hätten aufnehmen dürfen. Ich war nicht bereit, diese Verordnung umzusetzen. Die unsinnig Einschränkung empörte - neben unzähligen anderen - auch die Eltern. Die Situation war paradox: In Baja wohnten etwa 2000 Landsleute; die Stadt galt aber nicht als deutsche Siedlung. Die Folge: bis Mai 1967 hatten wir nur 26 neue Schüler. In dieser Zeit wollte man die Schule auch mit Hilfe der Medien liquidieren. All das hat mich angespornt, trotz meiner Krankheit weiter zu kämpfen. Ich verlangte umgehend schriftlich vom Ministerium eine Entscheidung, da die Verordnung des Komitats auch verfassungswidrig war. Man tröstete uns mit dem Hinweis, dass wir bald ein neues Gebäude bekämen und damit die Probleme gelöst würden.
Viele Jahre vergingen, die Probleme blieben. Eine gewisse Anerkennung der Leistung unseres Deutschen Gymnasiums konnte man uns jedoch nicht versagen. Das Komitat hatte das Schuljahr 1967/68 vielseitig ausgewertet und zwei Vergleichstabellen erstellt, in denen wir unter 22 Mittelschulen des Komitats die besten waren. Doch auf die von uns erwartete Unterstützung und Erleichterung der Arbeit durch ein eigenes Schulgebäude mussten wir noch lange warten. Wir arbeiteten und kämpften dennoch zielstrebig weiter.
1973 wurde ich gesetzwidrig in den Ruhestand versetzt.

1982 erhielt ich den Donauschwäbischen Kulturpreis von Baden-Württemberg, doch erst nach der Wende 1991 wurde ich auch von der Regierung in Budapest moralisch rehabilitiert und durch Árpád Göncz mit dem Verdienstkreuz der Ungarischen Republik "für einen beispielhaften Lebensweg" geehrt. Dazu gesellte sich noch das Verdienstkreuz I. Klasse der Bundesrepublik Deutschland, das mir vom deutschen Staatspräsidenten Richard von Weizsäcker überreicht wurde. Das Lebenswerk eines Ungarndeutschen war somit anerkannt.
Das Jubiläum des Deutschen Gymnasiums feiert 1999 das voll entfaltete und erweiterte Deutsche Kulturzentrum. Damit sind meine verwegensten Träume in Erfüllung gegangen.
Auf dieses Institut - mit Kindergarten, Grundschule, Gymnasium, Schülerheim und mit Fortbildungszentrum - könnte jede Hauptstadt Europas stolz sein. Der Weg dieses wunderbaren Instituts weist mit seinen Erfolgen den Weg in die Europäische Union.
Es wäre eine große Freude für mich, wenn das Institut auch weiterhin manchmal der kleinen Wiege gedenken würde.
Ich wünsche allen ehemaligen und jetzigen Schülern und Kollegen im Interesse unseres Volkes und Landes weiterhin hervorragende Leistungen.

  Dr. Paul Schwalm






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