Schachtel macht Schule - Projektbeschreibung

Das Projekt Schachtel macht Schule in der Deutschen Auslandsschule Ungarndeutsches Bildungszentrum Baja

Auf dem Schulhof des Ungarndeutschen Bildungszentrums (UBZ) wurde als Ergebnis eines mehrere Jahre dauernden Projekts der drei ungarndeutschen Organisationen in Baja (Gemeinnützige Stiftung für die Ungarndeutschen in der Batschka, Deutsche Selbstverwaltung Baja und Deutscher Kulturverein Batschka) in Zusammenarbeit mit dem UBZ ein Nachbau einer Ulmer Schachtel in Originalgröße aufgebaut. Das Bauwerk soll dreierlei Funktionen erfüllen: Es soll ein Denkmal für die Ansiedlung der Deutschen in Ungarn im 17-18. Jhd., eine touristische Attraktion der Stadt Baja, vor allem aber ein besonderer Lernort für SchülerInnen sowie Erwachsene sein. Dieser außerschulische Lernort bietet den Lehrkräften und SchülerInnen die Möglichkeit, Geschichts- bzw. Nationalitätenkundestunden (in denen es um die Vergangenheit, um Kultur und Traditionen der ungarndeutschen Minderheit geht) an einem besonderen – quasi – authentischen Ort zu gestalten. Weiterhin soll mit diesem Symbol der Ansiedlung der Deutschen in Ungarn auch das Bewusstsein für die ungarndeutsche Identität der SchülerInnen wie auch anderer Interessenten gestärkt und die Wichtigkeit des kulturellen und politischen Engagements für Minderheiten und das Verständnis für Migrationsgründe und Bedingungen für das Gelingen von Integration betont werden. Damit die errichtete Ulmer Schachtel der Stellung eines Landesdenkmals der Ansiedlung (die ihr von der Landesselbstverwaltung der Ungarndeutschen verliehen worden ist) gerecht werden kann, werden regelmäßig Besuchergruppen, z.T. Schülergruppen empfangen (allein im Jahr 2019 waren es mehr als 300 SchülerInnen und ca. 1050 Personen in 42 Gruppen). In erster Linie sind es SchülerInnen aus anderen Nationalitätenschulen (Gymnasien wie Grundschulen), in denen die deutsche Sprache und Nationalitäteninhalte ebenfalls als besonderer Schwerpunkt unterrichtet werden. Viele dieser Schulen sind DSD I, bzw. DSD-II-Schulen. Da die Ulmer Schachtel in Lebensgröße vor der Schule steht, kommen die SchülerInnen auf Schritt und Tritt mit ihr in Kontakt; sie werden so angeregt, sich auch außerhalb der Unterrichtsstunden mit dem Thema Einwanderung zu beschäftigen. Sie bietet die Möglichkeit sich über Formen und Gründe, bzw. Auswirkungen von Migration in der Geschichte und heute Gedanken zu machen und auszutauschen. Nicht zuletzt erhöht dieses landesweit (wahrscheinlich sogar weltweit) einzigartige begehbare Denkmal die Anziehungskraft und die Bekanntheit des UBZ und hilft somit auch in Zukunft die nötige Zahl der Anmeldungen in unseren Kindergarten, in die Grundschule und den Mittelschulbereich (9-12. Klasse) zu sichern. Bereits in die Vorbereitung und die Bekanntmachung des Projekts wurden die SchülerInnen eingebunden, es war immer ein Anliegen der Schule, dass die SchülerInnen beim Projekt mitgenommen werden: Sie sollen nicht nur die fertige Ulmer Schachtel sehen, sondern auch erfahren, wie sie Schritt für Schritt entstanden ist und welches Ziel die Bauherren und die Schule sich mit dem Schiff gesetzt haben. So sollen die SchülerInnen auch einen Überblick über die Abwicklung eines Bau- bzw. Schulprojekts von der Idee bis zur Verwirklichung bekommen. An der Schule wurde im Januar 2018 eine Ausstellung zum Thema Ulmer-Schachtel-Projekt organisiert. Gezeigt wurden neben Informationen über die Ulmer Schachtel allgemein sowie über das geplante Denkmal vor Ort auch Modelle von Ulmer Schachteln, die nach einem landesweiten Aufruf eingeschickt wurden. SchülerInnen aus der Mittelschule und der Kammerchor UBZ Nachtigallen wirkten bei der Eröffnungsfeier mit. Zuvor wurden die deutschsprachigen Informationstexte im Unterricht für die Besucher ins Ungarische übersetzt.

In diesen Texten werden Lebensgeschichten von konkreten deutschen Auswanderern beschrieben und ihre Beweggründe, ihre ursprüngliche Heimat zu verlassen. Bei der Deutschlandfahrt der Tanzgruppe und des Chors der Schule im Mai 2018 haben die SchülerInnen für das Bauvorhaben geworben und bereits Spenden zur Verwirklichung gesammelt. Die Gruppe hat auf ihrem Weg auch die vor dem Donauschwäbischen Zentralmuseum in Ulm ausgestellte Ulmer Schachtel besichtigt. Die Bauarbeiten am Ulmer-Schachtel-Denkmal vor unserer Schule wurden von professionellen externen Baufirmen verrichtet und wurden Ende Juni 2019 abgeschlossen. Als nächsten Schritt haben wir versucht, genau zu überlegen und festzulegen, wie das Schiff in der Zukunft für die o.g. drei Ziele am besten verwendet werden kann. Auch in diese Phase der Verwirklichung haben wir SchülerInnen unserer Schule einbezogen. Die konkrete Nutzung unserer Ulmer Schachtel galt es zu planen. Unter Nutzung verstehen wir einerseits das Erstellen kreativer Aufgaben für Kinder, die das Denkmal besuchen, sowie die Durchführung von touristischen Führungen in der Ulmer Schachtel. SchülerInnen wurde die Möglichkeit geboten, sich zur Schulung für den Schachtelführerschein anzumelden. Ihre „Ausbildung“ erfolgte in Anlehnung an das digitale Interesse der SchülerInnen: die InteressentInnen haben digitales Informationsmaterial erhalten, das sie zu Hause im eigenen Lerntempo bearbeiten konnten. Ihren Kenntnisstand konnten sie in online-Fragebögen testen; das war gleichzeitig auch der theoretische Teil der Ausbildung. Anschließend folgte eine simulierte Führung als praktische „Prüfung“. Wer bei beiden Teilen erfolgreich abgeschnitten hat, erhielt die Urkunde über den Ulmer-Schachtel-Führerschein. Bisher haben sich 10 SchülerInnen für das Programm gemeldet und 8 haben den Schachtelführerschein bereits erhalten. Unsere SchachtelführerInnen übernehmen in Zukunft die Führung von Besuchergruppen, wobei sie je nach der Herkunft der Gruppen entscheiden, ob die Führung auf Deutsch, Ungarisch oder bilingual gehalten wird. SchülerInnen des UBZ haben aktiv an der Eröffnungsfeierlichkeit des fertigen Denkmals mitgewirkt. Sie haben im Rahmen der Feier die Vorsitzende der Landesselbstverwaltung der Ungarndeutschen als oberstes Interessenvertretungsorgan der Minderheit kennen lernen können. SchülerInnen aus unserem Fachgymnasium mit der Ausrichtung „Fremdenverkehr und Tourismus“ haben bei der Veranstaltung die Rolle der Hostessen übernommen, sie haben die Gäste empfangen und durch den Campus geführt und haben die zuvor ebenfalls durch SchülerInnen vorgefertigte Andenken (Kühlschrankmagnete mit dem Bild der Ulmer Schachtel Baja) verteilt. Bei der Eröffnungsfeier haben sich zwei Schülerinnen bereit erklärt, während der Zeremonie eine betreute Beschäftigung für Kinder anzubieten, bei der junge BesucherInnen, die sich für die Reden und das Programm weniger interessieren, kreativ handwerklich beschäftigt werden sollten. Angeboten wurden Malen, Puzzle, Gobelin (natürlich alles in der Thematik Ulmer Schachtel). Zu diesem Zweck hat eine Schülerin aus einer Abschlussklasse eine Ausmalschablone angefertigt, die eine Ulmer Schachtel auf dem Wasser und als Hintergrund die Ansicht der Stadt Ulm darstellt. SchülerInnen, die gerne den Schachtelführerschein ablegen möchten, haben wir gebeten, am Nachmittag der Eröffnungsfeier abwechselnd Aufsicht in der Ulmer Schachtel zu halten und die Besucher über das Denkmal sowie über die Umstände der Ansiedlung der Deutschen in Ungarn zu informieren, bzw. eventuelle Fragen zu beantworten. Die SchülerInnen waren zw. 13.30 Uhr und 16.30 Uhr paarweise in 30 Minutentakt eingeteilt.

Anknüpfend zum Projekt Ulmer Schachtel Baja wurden in unserer Grundschule vielseitige und altersgerechte Spiele und Aufgaben für die einzelnen Jahrgangsstufen (1.-8. Klasse) erarbeitet, die im Unterrichtsalltag auch regelmäßig zum Einsatz kommen. SchülerInnen aus dem Gymnasium haben unter Mitwirkung einer betreuenden Lehrkraft einen kurzen Film über die Ulmer Schachtel gedreht, bei dem die Rollen sowie die Kameraarbeit und der Schnitt gänzlich von SchülerInnen übernommen wurde. Wir setzten auch hier auf die vorhandenen guten digitalen Kenntnisse unserer SchülerInnen, die einen Großteil der Aufgaben eigenständig erledigt haben. Die Ulmer Schachtel soll nicht nur Schülergruppen offenstehen, sondern allen, die sich mit den Ungarndeutschen verbunden fühlen, die sich für die Themen Migration, Rolle der Einwanderer bei der Entwicklung Ungarns oder evtl. für Schiffsbau und Schifffahrt interessieren. Sie soll Anlass sein, über Minderheiten, Migration und Integration zu diskutieren und stellt damit eine in Ungarn sehr notwendige Gesprächsplattform dar. Die Schule hat ein Treffen mit einer Vertreterin der Baja Turizmus Nonprofit GmbH. (dem Unternehmen der Stadt Baja für Tourismus und Marketing) vereinbart, bei dem die SchülerInnen die Möglichkeit hatten, die touristische Konzeption der Stadt kennenzulernen und den erstellten Marketingplan für die Ulmer Schachtel Baja mit dieser zu vergleichen und mögliche Verknüpfungspunkte zu entdecken. Der eigentlich recht theoretische Lernstoff „Marketing“ konnte so an einem konkreten und lebensnahen Beispiel veranschaulicht werden und die SchülerInnen sahen, wie man die eigene (unternehmerische) Idee in einen übergeordneten Zusammenhang integrieren kann. Wie sehr es der Schule gelungen ist, das gesamte Schulleben mit der Thematik der Auswanderung und Ansiedlung, der Ulmer Schachtel und breiter gefasst mit dem Erhalt der kulturellen Identität der Nachfahren der nach Ungarn Ausgewanderten zu durchweben, zeigt sich vielleicht am besten daran, dass eine Klasse bei dem traditionellen Theatertag des UBZ im Dezember 2019 das Projekt Ulmer Schachtel zum Thema ihrer Theatervorführung gemacht hat. Beim Theatertag werden die Klassen aufgerufen, zu einem angegebenen Thema ein kurzes Theaterstück von maximal 20 Minuten zu schreiben, einzustudieren und am letzten Unterrichtstag vor den Winterferien vor der Schulgemeinschaft vorzuführen. Die SchülerInnen stellten zum diesjährigen Thema „Hoffnung“ den Ablauf der Bauarbeiten an der Ulmer Schachtel unter dem Titel „Spenden machen Hoffnung“ auf die Bühne. Die Vorstellung hatte viel Humor und zeugte von einem scharfen Blick der SchülerInnen für die Einzelheiten und für die aufgetauchten Schwierigkeiten. Unser Wunsch, dass der Theatertag ein Signal der Hoffnung sein sollte gegen Ausgrenzung und dafür, sich nicht nur für die Interessen der deutschen Minderheit in Ungarn, sondern auch für die aller anderen Minderheiten, die auf Unterstützung von außen angewiesen sind, aktiv einzusetzen, wurde durch diese, aber auch die übrigen Aufführungen eindrucksvoll erfüllt. Da das Projekt Ulmer Schachtel am Ungarndeutschen Bildungszentrum auf vielfältige Weise verankert ist und um eine bessere Überschaubarkeit zu gewährleisten, wurde ein Schüler gebeten, eine Präsentation als Übersicht zum Projektverlauf zu erstellen. Aus dem zu Verfügung gestellten Material hat er die Präsentation, die auch auf der Schulhomepage (http://www.mnamk.hu/ubz/) zu finden ist, selbstständig erstellt.

Ein Schiff auf dem Schulhof einer Deutschen Auslandsschule, das den Namen „Hoffnung“ trägt, muss natürlich auch Brücke der Hoffnung in die Zukunft symbolisieren: o die Hoffnung, dass die ungarndeutsche Minderheit ihre politische Mitbestimmung in Ungarn weiterhin im Sinne der gegenseitigen Achtung und der europäischen Integration nutzen kann, traditionsbewusst und modern o die Hoffnung, dass Ursachen für Flucht und Vertreibung, sei es aus politischen, religiösen, wirtschaftlichen (auch, damit die eigenen Kinder nicht Hungers sterben), ethnischen Gründen beseitigt werden können, damit in Zukunft die Ulmer Schachtel an Land bleiben kann o die Hoffnung natürlich, dass in Zukunft niemand mehr auf der Flucht, sei es über das Wasser oder auf dem Landweg, sein Leben verliert. Die Geschichte der Ansiedlung der Deutschen, aus denen dann die Ungarndeutschen wurden, aus der bitteren Not geboren, hat sich für Ungarn als Glücksfall erwiesen und das Land sowohl kulturell als auch wirtschaftlich bereichert. Diesen positiven Blick auf Integration wollen wir für unsere SchülerInnen mit der Ulmer Schachtel erlebbar machen. Wir stellen uns vor, dass mithilfe eines Teils des Preisgelds der siegreiche Beitrag eines Schülerwettbewerbs prämiert wird, der eine Sonderausstellung im Innenraum der Ulmer Schachtel zum Thema „Geschichte, Chancen und Zukunft von Migration“ zum Inhalt hat. Dass in einem Schiff, das in Sicherheit bei uns gestrandet ist, auch an die erinnert werden muss, deren Schicksal weniger glücklich ist, versteht sich von selbst.





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